Ein Denkmal für den Krieg?

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soldat-helm Im beschaulichen niederrheinischen Dorf, in dem ich geschlüpft und aufgewachsen bin, gibt es  ein Kriegerdenkmal. Wenn ich auf Besuch dort bin, komme ich bei einem Spaziergang auch daran vorbei. Regelmäßig zucke ich zusammen, wenn ich die Anlage sehe.

Über zwei Stufen erreicht man den quadratischen Ehrenhof. Der Zugang wird von zwei Adlern und zwei steinernen Stahlhelm-Köpfen bewacht und der Mittelteil der Rückwand ist hochgezogen und von Bögen durchbrochen. Am auffälligsten ist jedoch der auf einem Backsteinsockel ruhende Natursteinsarkophag mit Christuskopf auf dem ein im Liegen halb nackt aufgerichteter Soldat mit steinernen Stahlhelm quasi “lasziv” thront! An den Seiten sind 4 Gedenktafeln mit Namen angebracht und in der Mitte steht noch eine sogenannte Opferschale. Erbaut wurde diese Anlage 1934. Die Anlage ist seit neuerer Zeit durch ein Gitter geschützt.

Als 10-11 jährige Kinder haben wir dort öfters herum getollt. Wir hatten abwechselnd einen roten Umhang an und haben “römischer Kaiser” gespielt. Dabei saßen wir im Schoß des halbnackten Soldaten und begnadigten vor uns kniende Missetäter. Welch ein Spaß! Wir ahnten zwar das die Anlage was mit einem Krieg zu tun hatte aber kamen nicht auf die Idee das es sich um etwas “weihevolles” handeln könnte. Die Opferschale wurde nur angezündet, wenn Schützenfest und Kirmes im Dorf war. Die Schützenbruderschaften und der Schützenkönig mit Gefolge defilierten am Denkmal vorbei. Das sahen wir uns immer an. Ich hatte keine Ahnung von diesem Ritual und mir fielen nur diese einfallslosen einfarbigen, meist creme- oder lachsfarbigen Kleider der Gattinnen der Honoratioren auf! Viele von ihnen hatte das Kleid ungeschickterweise eine Nummer zu klein gewählt.

Erst im Erwachsenalter begriff ich die Nazi-Symbolik die in diesem “Denkmal” steckt. Geprägt vom Stil der nationalsozialistischen Zeit kommt die Anlage sehr martialisch- und kriegsverherrlichend daher. Irritierend ist dabei besonders der halbnackte Soldat!  So als ob etwas erotisierendes im Kampf und Krieg stecken würde. Heute läuft mir ein Schauder beim Anblick über den Rücken. Eine erklärende Tafel worum es sich bei diesem Denkmal handelt, sucht man vergebens. Mir erklärt sich auch nicht warum es überhaupt unter Denkmalschutz steht. Wenn es unter dem Aspekt der Mahnung zukünftiger Generationen an die Leiden und Opfer durch Kriege erinnern soll, kann ich nicht verstehen, das kein  Text vorhanden ist, der die Nazi-Symbolik erklärt. Vielleicht sprechen für die Erhaltung aber auch wissenschaftliche Gründe.

Kategorie(n): Da hingehen wo es weh tut, Fragen des Alltags, News, Unterwegs

10 Antworten auf Ein Denkmal für den Krieg?

  1. danke für diesen spannenden beitrag.
    bin bei diesen kriegerdenkmälern auch immer irritiert.

    sie dienten vermutlich dazu, das kanonenfutter bei laune zu halten, indem sie ihnen eine heroische bedeutung zumaßen, die das kanonenfutter in der realität nie hatte.

    erschreckend die auflistung der gefallenen mit namen (zumindest in österreich stehen die immer dabei). dabei wird schrecklich plastisch, wie viele junge männer aus völlig blödsinnigen gründen sterben mussten.

  2. Waffen werden oft erotisiert. In vielen Armeen der Welt trainiert man die Soldaten dahin, dass ihre Waffe ihr Girl sei, mit dem man auch ins Bett gehe etc.

  3. Warum das Denkmal erhalten wird? Weil die Familien der Männer, deren Namen auf den 4 Tafeln stehen, das wohl so wollen.

    Ich interpretiere (unabhängig vom Stil der Zeit, der mir durchaus nicht gefällt) die geschlossenen Augen, die gebrochene Haltung, die liegende Waffe, den nackten Körper ganz anders als du.

    Nicht vergessen: Am entschiedensten gegen den Kriegs-Einsatz der Deutschen in Ex-Jugoslawien waren damals die etwa 80-Jährigen. Ich habe extra aufgepasst, als es die Umfragen gab, wer den Einsatz richtig findet.

    Wahrscheinlich sind die Tafeln mit den Namen der Punkt, hinter den die Wirkung der architektonischen Form weit weit zurücktritt

    meint
    die Traudl

  4. Wenn es um die Tafeln ginge, könnte man ein neues Mahnmal errichten.
    Es handelt sich bei dem Kriegerdenkmal ja um eines für den 1. Weltkrieg. Somit könnte man den halb liegenden Soldaten auch als gerade aufstehenden verstehen, der Rache will.

  5. auf diese Idee wäre ich niemals gekommen

  6. was keinesfalls heißt, dass ich deine Gedanken für unrichtig halte
    ich selbst aber kann mir eher nicht vorstellen, dass ein Dorf ein Denkmal mit vier Tafeln voller Namen aufstellt und dabei an Rache denkt
    (man müsste die Alten befragen – sie leben ja gerade noch)

  7. Der steinerne Soldat in Uniform und angelehntem Gewehr, ein riesiges Denkmal/Mahnmal welches bei uns (in Stadtnähe) in einem (eigentlich) wunderschönen Park steht, wirkt auf mich völlig deplatziert.

    Wenn man sich (gerade auf so kleinen Dörfern) umschaut, findet man (aus der Zeit des 1. u. 2. Weltkriegs) jede Menge dieser Denkmäler. Wie dem auch sei, Deinen Post zu diesem Thema finde ich sehr gut.

    Nur so am Rande:

    Wir waren gestern Abend in “Jud Süß – Film ohne Gewissen”. Ich fand es sehr, sehr erschreckend wie krass die Wirkung eines einzigen Films sein kann. Der Film war erschreckend gut.

    LG,

    Ihsan.

  8. Meine Bemerkung am Rande könnte man falsch verstehen. Deshalb hier noch schnell eine kleine Korrektur am Rande:

    Ich meine natürlich den Film vom Regisseur Oskar Roehler und nicht den antisemitischen Propagandafilm.

  9. @Ihsan

    Den Film habe ich damals zur Berlinale gesehen und hier im Blog einen Artikel geschrieben:

    http://antiteilchen.com/2010/02/19/jud-suess-film-ohne-gewissen/

    ;-)

  10. Das hier ist die einzige eindeutige Stellungnahme aus der Bevölkerung, die mir bisher untergekommen ist:
    http://www.veteranen-lk-rosenheim.de/Unterschriftenliste.pdf

    Sie wird dem Guttenberg demnächst in die Hand gedrückt. (Das ist derselbe, der aktuell “offen und unverklemmt” über Wirtschaftskriege sprechen möchte).

    Nein, ich bin nicht Mitglied im Veteranenverein. Mir ist nur folgendes durch den Kopf gegangen: Vielleicht sitzen die Pazifisten ganz woanders, als man sie vermuten möchte?

    Herzliche Grüße aus dem ländlichen Süden! :-)

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