Thomas Demand (*1964) habe ich ja bereits seit einiger Zeit in der Kunst-Blogroll. Nun führte mich mein Weg an diesem schmudeligen Sonntag in die Neue Nationalgalerie, da dort eine große Werkschau dieses international renommierten deutschen Künstlers noch bis zum 17.01.2010 zu sehen ist. Der Schwerpunkt der 40 Arbeiten liegt auf Deutschland. Was macht Thomas Demand denn nun genau? Er fertigt aus Papier, Karton und Pappe, Modelle detailgetreuer Tatort- und Pressefotos an, die er dann licht-technisch perfekt inszeniert und fotografiert um sie danach wieder zu vernichten. Nur seine Fotos bleiben. Auf diesen verstörenden Fotos sind stets keine Menschen zu sehen. Er dokumentiert unsere Medienwelt, er reproduziert.
Schwere riesige graue Vorhänge teilen das obere Stockwerk der Nationalgalerie in Segmente ein. Drinnen die gut 40 Arbeiten, großformatige Fotografien. Vor- und seitlich der Fotos stehen kleine Tische, in denen Bücher mit Texten von Botho Strauß zu lesen sind. Sie beziehen sich zwar auf die Bilder, erklären sie aber nicht. Was sie auch nicht brauchen, denn bei vielen Fotos erinnere ich mich an das abgebildete Ereignis. So zum Beispiel das Werk “Badezimmer“. Sofort denke ich an das Zeitungsfoto des Niedersächsischen Schleswig-Holsteinischen Ministerpräsidenten Barschel, der tot in der Badewanne des Genfer Hotels Beau-Rivage liegt. Nur hier fehlt Barschel. Ein beeindruckender Moment.
Wenn man sehr dicht an die Fotos heran tritt, erkennt man, das die abgebildeten Objekte alle aus Papier, Karton oder Pappe sind. Ich denke mir, was für ein Aufwand. Bis ins kleinste Detail reproduziert, täuschend echt. Da sitzt jemand tagelang und schneidet, faltet, klebt, erschafft und reißt alles wieder ein.
Ein Text von Botho Strauß zu einem Foto möchte ich gern zitieren, da er mich nachdenklich machte. War nicht ganz einfach ihn auf zu schreiben. Verdächtigte mich das Personal der Neuen Nationalgalerie doch dreist, im Besitz eines iPhones zu sein und heimlich Fotos zu machen! Ich tippte jedoch lediglich den Text in die Notizfunktion meines iPod touch. Ich sage ihnen das war ein Aufstand! O.K keine Fotos verstehe ich aber dann wollte man mir sogar verbieten, Notizen zu machen, trotz Erklärung es handele sich bei dem Gerät um einen MP3 Player. Also bitte, irgendwo hört der Spaß auf. Ich komme zum Text:
Wir vermeiden in jeder Millisekunde Traum oder Wachen, die Hölle der Diffusion. In Wahrheit werden wir unentwegt mit unvergleichlichen katastrophal neuen Situationen konfrontiert, befeuert, und nur unser gütig vereinfachendes, brav schablonisierendes Hirn wählt aus dem wilden Unbekannten das Vergleichbare aus und formt daraus die gröbsten, vor allem aber stabilsten Begriffe, zu denen wir glücklich Zuflucht nehmen dürfen.
Thomas Demand – Nationalgalerie
Neue Nationalgalerie
Noch bis zum 17.01.2010