Bei meinen Fahrten über die Transitstrecke in den achtziger Jahren nach West-Berlin, packte ich fast jedes Mal auf die Rückbank meines kleinen Opel Kadett, drei Leute und noch einen auf den Beifahrersitz. Vermittelt durch die Mitfahrerzentrale. Ich war halt jung und brauchte das Geld. Und ich fuhr oft, sehr oft. Meist blieb ich so lange in Berlin bis ich die gleiche Anzahl Mitfahrer wieder zurück hatte. Drangvolle Enge herrschte, mitunter waren wir 5 Raucher. Hust. Auf der Fahrt nach Berlin, bis zum innerdeutschen Grenzübergang Helmstedt/Marienborn, war die Stimmung meist gut. Man unterhielt sich, das Radio spielte fröhlich vor sich hin aber je näher wir der GÜSt (Grenzübergangsstelle) kamen, desto stiller wurde es im Auto. Dann ein Schild “Willkommen in der DDR”. Kam man am Abend oder in der Nacht an den Grenzübergang, war er schon von weitem deutlich zu erkennen. Peitschenlampen und Scheinwerfer leuchteten das Gelände mit einer elektrischen Leistung von bis zu 8000 Watt pro Lichtmast “blend- und schattenfrei” aus. Eine gespenstische Kulisse.
Meist schon weit vor dem eigentlichen Kontrollpunkt stauten sich die Autos. Brav fädelte ich mich in eine der Spuren ein und rückte immer weiter vor. Ich schaltete vorsichtshalber das Radio aus. Am ersten Kontrollpunkt angekommen, lugte meist grimmig ein Beamter aus seinem Fenster. Gestreng befahl er: Reisedokumente bitte! Wir gaben unsere Pässe ab, die Fotos darin wurden mit den Insassen ab geglichen, es wurde nach “mitgeführten Kindern” gefragt und die Pässe verschwanden dann auf ein geheimnisvolles 50 Meter langes geschlossenes Laufband, an dem man dann entlang fuhr bis zur nächsten Kontrollstelle. Hier gab es die Pässe zurück, allerdings mit einem Stempel mit Ort und Uhrzeit versehen und einem Zettel, Transitvisum genannt, darin. Die Uhrzeit war deswegen vermerkt, damit die Grenzer in Drewitz/Dreilinden, der Grenzübergangsstelle zu West-Berlin, sehen konnten, ob man zwischendurch angehalten hatte oder zu schnell war. Anhalten war eigentlich nicht erlaubt, nur zum Tanken oder für eine ganz kurze Rast. Kontakt zu DDR-Bürgern war verboten. Und bloß nicht von der Autobahn abfahren! Das war strengstens untersagt! Wie gerne wäre ich einfach mal eine Ausfahrt rausgefahren und hätte mich etwas umgesehen.
Eine Zeit lang, nach der Grenze, kamen plötzlich viele Trabis auf die Autobahn. Man beäugte sich von Wagen zu Wagen. Ich dachte damals nur, das sind sie also die eingesperrten Bürger der DDR. Wäre ja schon mal interessant sich mit denen zu unterhalten. Ich hielt mich genau an die vorgeschriebene Geschwindigkeit, die mir bei der Einreise auf großen Tafeln angezeigt wurde, worauf ich oft von stolzen Trabifahrer überholt wurde. Einmal fuhr ich doch zu schnell und wurde geblitzt und heraus gewunken. 5 km/h zu schnell. 100 Mark verlangte der Polizist. Ich habe aber keine Ostmark, erwiderte ich. Der Polizist: Wie Ostmark? Westmark! Und wenn ich die nicht zahle? Dann dürfen Sie in Zukunft nicht mehr einreisen und die Transitstrecke benutzen! Die Alternative wäre dann das Fliegen gewesen aber das war damals sehr, sehr teuer. Also besserte ich die Staatskasse der DDR auf.
Ich hatte auf der gesamten Strecke immer das Gefühl, ich werde von der Stasi beobachtet. Im Straßengraben lagen oft mit Tarnnetzen verdeckte Wagen. 220 km lang ein ungutes Gefühl. Von der Transitstrecke selbst blieb mir bis heute auch das Geräusch in Erinnerung, das die Nähte zwischen den Betonplatten der Autobahn beim darüber fahren machten. Dum-Dum Dum-Dum Dum-Dum. Kilometerlang. Zum einschlafen. Wohl seit “Führerszeiten” nicht mehr instand gesetzt. Das war doch so gewollt, bloß kein Komfort auf der Strecke! Irgendwer hat mir damals mal erzählt die DDR bekäme für jeden Wagen der über die Transitstrecke fährt 5 Westmark. In die Strecke ist das Geld jedenfalls nicht geflossen! Wir alle im Wagen waren jedes mal froh, wenn wir endlich die Grenzübergangsstelle Drewitz/Dreilinden erreichten. Gleiche Prozedur wie bei der Einreise, nur das jetzt das Transitvisum aus den Pässen verschwunden war. Endlich Gas geben. Auf der Avus fühlte ich mich wieder sicher und das Schönste war, wenn ich dann plötzlich den Funkturm sah, am Abend oder in der Nacht erleuchtet, das war der Moment, an dem ich wirklich in Berlin ankam.


genau so war es! bis auf das nach-hause-komm-gefühl beim anblick vom funkturm, dann war ich immer wieder in „meinem“ berlin und alles war gut! ,-)
Der Beitrag ist irgendwie ungeordnet. Die Beamten schauten wohl selten grimmig aus dem Fenster. Sie sagten dann auch: Guten Tag, Passkontrolle der DDR, ihre Ausweise bitte.
Im Straßengraben waren wohl auch keine mit Tarnnetzen vergrabenen Wagen versteckt.
Das mit dem Dum-Dum-Dum-Dum klingt auch wie ein Märchen. Ich mache darauf aufmerksam, dass die Bundesrepublik beispielsweise eine Summe von 2 210,5 Mio. Mark als finanzielle Leistungen für die Verbesserungen im Berlin-Verkehr gezahlt hat. Beispielsweise für die Grunderneuerung der Autobahn 259.50 Mio. Mark
Ist das alles an Ihnen spurlos vorüber gegangen? Dann haben Sie wohl die Bautätigkeit wohl nicht bemerkt oder sind nicht gefahren. Märchen sollte man also nicht erzählen.
Das mit dem Dum-Dum, Dum-Dum ist sicherlich abhängig, wann man gefahren ist. Aber in den 70er, 80ern war es definitiv so, das kann ich bestätigen. Lange Zeit nach der Wende war die Autobahn Richtung Ostsee übrigens exakt in dem selben Zustand. Dum-Dum, Dum-Dum. Wie übrigens auch viele Autobahnen in den 60ern, 70ern im Westen von Deutschland. Es braucht halt seine Zeit.
Was die DDR Führung mit der Kohle für die Autobahn gemacht hat, wird wohl nur sie selbst wissen ;-)
es gab kein schild »willkommen in der ddr«. niemals!
@Achim: guck mal hier zB
http://tinyurl.com/lzcfp8