Nürnberg ist auch eine missbrauchte Stadt. Wie kaum eine andere deutsche Stadt nutzen die Nazis die mittelalterliche Kulisse Nürnbergs für ihre Aufmärsche bei den Reichsparteitagen. Nicht nur aus ideologischen Gründen, in Nürnberg hatte Hitler am Ende der 20er Jahre kein Redeverbot, die geographische Lage mit guter Verkehrsanbindung an das ganze Reich und zuletzt eine entgegenkommende örtliche Polizeibehörde waren die Gründe. Auch konnte die NSDAP bei der Organisation auf die in Franken gut organisierte Partei unter Gauleiter Julius Streicher, dem Herausgeber des widerlichen Hetzblattes Stürmer, zurückgreifen. Die Tradition der Nürnberger Reichstage des mittelalterlich-kaiserlichen Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation kamen da auch nicht ungelegen. Ab 1933 wurden die Parteitage dann jährlich durchgeführt.
Unser Besuch beginnt im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände das man mit der Straßenbahn 9 oder 6 hervorragend erreichen kann. Das Dokumentationszentrum wurde 2001 eröffnet und ersetzt die muffige alte Pappschild-Ausstellung im Sockel der Zeppelin-Tribüne. Hatte man früher die Auseinandersetzung gescheut, geht man heute vorbildlich mit dem Thema um. Das Zentrum ist in einem der Kopfbauten im Nordflügel der geplanten und nie fertiggestellten riesigen Kongresshalle untergebracht. Der österreichische Architekt Günther Domenig gestaltete das Zentrum. Er gewann 1998 den internationalen Wettbewerb mit seinem Vorschlag, den nördlichen Kopfbau durch einen begehbaren Pfahl aus Glas und Stahl diagonal zu durchbohren. Ich finde, eine sehr gelungene Umsetzung!
Wir beteiligen uns an einer Führung durch den Torso der Kongresshalle. Unser Guide Ralf erzählt uns viele Details und führt uns an Orte die der normale Besucher der Dauerausstellung nicht zu sehen bekommt. Die Ausmaße dieses halbfertigen Gebäudes sind schon monströs, wenn man bedenkt das es doppelt so hoch werden sollte fasst man sich nur noch an den Kopf. Allein die Vorstellung das die Decke der Halle sich selbst tragen sollte, erscheint mir utopisch. Dieses gigantische Gebäude sollte übrigens nach Fertigstellung nur für eine Woche im Jahr für Reden Hitlers genutzt werden. Platz sollte es für 50.000 Personen bieten. Um einen Eindruck der Größe zu bekommen, sollten sie sich bei einem Besuch auch in den Innenhof des Gebäudes begeben.
Die Dauer-Ausstellung im Zentrum ist von hervorragender Qualität! Die Audioguides sind interessant gestaltet und zum Abschluss befindet man sich an der Spitze des Pfahls wieder, der das Haus durchbohrt und schaut in den Innenhof der Kongresshalle.
Auf dem Gelände selbst kann man einem Rundgang folgen, was wir auch taten. Schon die Dimension der Großen Straße beeindruckt, weiter zum Grundstein des Deutschen Stadions das zum Glück nie gebaut wurde, dieses monströs gigantische Bauwerk sollte einmal als größte Arena der Welt für 400.000 Zuschauer entstehen. Die Zuschauer in den obersten Rängen hätten allerdings die Sportler unten auf dem Rasen gar nicht mehr gesehen. Hier sollten auch nach dem „Endsieg“ die Olympischen Spiele für immer und ewig stattfinden.

Wir umrunden als nächstes das zwölf Fußballfelder große Zeppelinfeld. Aufmarschplatz für 200.000 Menschen. Dann der erste Blick auf die Zeppelintribüne, die ich schon so oft in Doku-Filmen gesehen habe. Fast eine Ruine, beeindruckt sie doch noch immer mit ihrer Größe, obwohl 1967 die Stadt Nürnberg die Pfeilergalerien wegen Baufälligkeit abbrechen ließ. Heute steht das ganze Gelände übrigens unter Denkmalschutz.

Der Besuch war sehr aufschlussreich, zu sehen wie geschickt die Architekten um den größenwahnsinnigen Hitler es verstanden, ihn in Szene zu setzten, die Massen zu blenden und das Ausland durch die Aufmärsche in Angst zu versetzen. Das Ende kennen wir!